Meine Not mit den Noten

Es twittert. Heute zog in meiner Timeline mal wieder das Thema „Noten und Leistungsmessung in der Schule“ auf. @apfelweiss und @Herr_Rau diskutierten über den Sinn oder Unsinn der Notengebung und das ließ mich natürlich nicht kalt. 140 Zeichen sind nun allerdings doch zu wenig, meinen Standpunkt zu erklären.

Es hagelt. Das Schuljahr ist erst wenige Wochen alt und schon gibt es bei einigen Schülern und Eltern Frust pur, wenn Bewertungen von Leistungen rot auf weiß eintrudeln. Nicht nur für die „Volltreffer“ ist das ein schlechter Start. Es gibt schließlich auch Familien, in denen man sich über eine Zwei ärgern kann.

Es unbefriedigt. Wie fühlen sich eigentlich Lehrer, wenn sie schlechte Noten vergeben? Für mich war es die Hölle! Ich hatte die Schüler und deren Eltern bei der Korrektur von schriftlichen Arbeiten bildlich vor mir. Außerdem fragte ich mich immer wieder, wie groß mein Anteil an der Leistung war. Mündliche Leistungen zu bewerten finde ich einerseits schwieriger, andererseits schöner. Beides aus dem gleichen Grund: Man kann den Schülern in einem Gespräch das Brett vor’m Kopf nehmen, bis sie zeigen, was sie wirklich können.

Es ärgert. Was mich am meisten bei diesem Thema stört, liegt im System selbst. Erwachsene fordern von Kindern und Jugendlichen in einer wichtigen Entwicklungsphase, was sie selbst nicht liefern müssen. Kaum ein Mensch außerhalb der Schule wird genötigt, sich 1. auf jede Stunde des nächsten Arbeitstages überaus genau vorzubereiten und 2. mit der (ängstlichen) Erwartung zu leben, in jeder dieser Stunden (unverhofft) bewertet werden zu können. Zehn Jahre lang oder mehr.

Es fragt. Warum machen wir das? Weil es schon immer so war? Weil „die Wirtschaft“ das fordert? Weil die Kinder benotet werden wollen? Sind wir noch ganz bei Trost?

Es war. Als ich zur Schule ging, hatten „Noten“ in Klassenarbeiten und auf dem Zeugnis den Namen „Zensuren“. Das Verb „zensieren“ stammt laut Herkunftswörterbuch aus dem 16. Jahrhundert und bedeutet „begutachten, schätzen, taxieren, beurteilen“. Eine „Zensur“ ist die „behördliche Prüfung und Überwachung von Druckschriften; Bewertung einer Leistung, Note“ (S. 943).

Es ist. Mit dem „Tag der Deutschen Einheit“ wurden „Zensuren“ zu „Noten“. Eine „Note“ ist nach der o. g. Quelle ein „Kennzeichen, Merkzeichen, Schriftstück“ mit vielen anderen Bedeutungen wie Fußnote, Banknote oder „musikalisches Tonzeichen“ (S. 563f.).

Es irritiert. Ob ich eine Bewertung „Note“ oder „Zensur“ nenne, ist im Ergebnis wohl so ziemlich egal. Der schlechte Beigeschmack bleibt. Oder möchten Schüler ein „Kennzeichen“ bekommen?

Es misst. Nicht erst beim Korrekturverfahren geht mir der Sinn der Sache verloren. Wir suchen nach Fehlern! Diese Defizitorientierung widerspricht völlig meiner Einstellung zum Lehrersein. Warum steht unter Klassenarbeiten nicht: „Prima! Du hast schon die Hälfte geschafft!“ statt „4 minus“?

Es wächst. Am Anfang meines Schülerlebens schnappte ich einen Gesprächsfetzen zwischen zwei Lehrern auf. Einer sagte: „Meine Schüler bekommen alle in der ersten Stunde eine Eins mit der Aufgabe, diese Note bis zum Schuljahresende zu halten.“ Der Satz verfolgt mich bis heute. Ich habe ihn bei Schülern in einem Gymnasium ausprobiert und es wurde eine schöne Zeit.

Es funktioniert. Inzwischen brauche ich Noten im Unterricht nur noch zum Spielen. Ich empfinde das als Privileg. Die Fortschritte sind erkennbar, denn die Schüler können sich nach einfachen Kriterien selbst einschätzen. Die Schülereltern bekommen ebenfalls Vorschläge, wie sie die Leistung ihrer Kinder erkennen und vor allem würdigen können. Anerkennung ist aus meiner Sicht übrigens ein springender Punkt in dieser Diskussion um Noten und Leistungsmessung. Jeder Erwachsene möchte, dass seine Anstrengungen belohnt oder wenigstens bemerkt werden. Das ist bei Schülern nicht anders. Deshalb gibt es nach der Selbsteinschätzung eine Diskussion über das Ergebnis innerhalb der Klasse. Letztlich erhalten meine Schüler die Möglichkeit, ihr Können in der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Prinzip der Freiwilligkeit findet seinen Höhepunkt darin, dass die Schüler den Unterricht bei mir jederzeit beenden können. Gegenseitige Wertschätzung und Freiwilligkeit sind aber nicht nur für das Lernen von Bedeutung. Sie machen mir das Leben leichter – nicht nur in der Schule.

Berufszufriedenheit von Lehrern – Statistik 17.1 – 17.3 (Ende Teil 2)

Grundzüge der Varianzanalyse. (Die Sache mit der Alterspromotion steht am Ende des Beitrages.) Vor etwa drei, vier Jahren las ich das erste Mal von einer Studie mit dem Thema „Berufszufriedenheit von Lehrern“. Damals dachte ich (noch neidisch), dass dies eine ziemlich gute Forschungsidee sei. Ein paar Studienbriefe später muß ich Weiterlesen

Kopfnote

Der Spruch „Pädagogen müssen loben und nicht toben“ stammt von einem Schülervater und ist für mich oberstes Gebot im Unterricht sowie Schulgesprächen. Eltern qualifizieren sich durch ihre Praxis in und mit der Familie als Lehrende und haben in dieser Hinsicht volles Mitspracherecht, wenn es um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder geht. Weiterlesen