Eine Frage der Ehre?

Im Blog von Christian Spannagel hat mich kürzlich eine Diskussion aus meinem gewohnten Denktrott gebracht. Grundsätzlich bin ich sehr dafür, Fragen zu klären oder Gegensätze zu erkennen, weil diese Vorgänge meine Gedanken anregen und oft genug auch mit Wissenszuwachs verbunden sind. Das kann anstrengend sein, aber genau das mag ich – wer will schon doof sterben? In der o. g. Diskussion ging es z. B. um einen Begriff, der mich im Zusammenhang mit Information irritiert: „Ruhm“. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll bei der Verwendung des Motivs „Ruhm“ resp. „Bekanntheit“ beim Bloggen die Möglichkeit erweitert werden, mittels Berühmtheit mehr Informationen z. B. für die eigene Arbeit zu erhalten und diese weiterzugeben. Jean-Pol Martin erklärt kurz, welche Theorie dahinter steckt: „Ruhm sichert eine relativ stabile Versorgung mit Aufmerksamkeit, also mit anspruchsvollen, quantitativ hohen informativen Stimuli. Anders ausgedrückt: ruhm kann gegen langeweile schützen.“ Außerdem hat er sich die Mühe einer Zusammenfassung der Diskussion in seinem Blog (hier) gemacht. Nun mag Ruhm ein Mittel gegen Langeweile sein und mit Sicherheit für Aufmerksamkeit sorgen. Warum also stört mich dieser Begriff im Zusammenhang mit Informationsverarbeitung so sehr? Zuerst reicht ein Blick in’s Wörterbuch, wo sich das Wort übrigens dicht neben „Rum“ befindet – die deutsche Sprache ist da knallhart:

„Ruhm“: „Das im heutigen Sprachgebrauch im positiven Sinne von ‚hohes Ansehen‘ verwendete Wort bedeutete ursprünglich ‚Geschrei (mit dem sich jemand brüstet), Prahlerei; Lobpreisung’“ (S. 687). „rühmen“: „’den Ruhm verkünden, preisen‘ […], beachte die Präfixbildung […] ’sich rühmen, prahlen‘ von der heute noch das zweite Partizip berühmt gebräuchlich ist, dazu Berühmtheit; rühmlich ‚lobenswert‘ (mhd. […] ‚ruhmvoll; prahlerisch‘)“ (ebd.).

Vielleicht kann man sich noch darüber streiten, ob der Begriff wirklich so positiv besetzt ist, wie es im Buche steht. Keinen Zweifel sollte es jedoch darüber geben, dass Ruhm als eine Zuschreibung von Merkmalen ein Urteil von Menschen über eine andere Person ist. Dieses Urteil kann man annehmen oder nicht; vermutlich ist es zwischenmenschlich sogar geschickter, sich damit abzufinden und viel zu üben, solche Beurteilungen über sich ergehen zu lassen. Nur, im Sinne von Informationsverarbeitung erscheint mir der Begriff immer noch fragwürdig. Was mir hier fehlt, ist das nötige Maß an Kontrolle. Ich meine nicht die Selbstbeherrschung im Umgang mit Ruhm. Viel mehr ist Kontrolle einer von mehreren Punkten, die flow-Zuständen innewohnen sollen (hier mehr zum Begriff und den Merkmalen von flow).

„Kontrolle“: ‚Aufsicht, Überwachung; Prüfung’“ (S. 439) „kontrollieren“: ‚[nach]prüfen, überwachen; unter Kontrolle haben; beherrschen’“ (ebd.).

Ruhm aber ist für die betreffende Person weder eine eigene Leistung, noch kontrollierbar! Das Blöde daran ist außerdem, dass man sich nicht dagegen wehren kann. Ein Mensch hat nur wenig Einfluss darauf, was andere Menschen über ihn denken und deshalb auch keine Möglichkeit, den Informationsfluss im o. g. Sinne zu nutzen. Es besteht aus meiner Sicht sogar die Gefahr von Fehlinformation. Wer spricht denn mit den sog. Berühmtheiten oder wagt gar Widerspruch und wenn doch, mit welchen Konsequenzen? Wie funktioniert in diesem Fall die Information durch Kommunikation? Bleiben dabei nicht irgendwann Ehrlichkeit und Respekt auf der Strecke (#Lobhudelei)?

Denken braucht neben Input auch ein bestimmtes Maß an Ruhe. Für das flow-Erlebnis bei dieser Beschäftigung ist massive Aufmerksamkeit störend, weil sie nicht kontrollierbar ist. Nun ist es durchaus möglich, dass ich noch keinen Schimmer von der erwähnten Theorie erwischt habe. Im Moment halte ich deshalb den Begriff „Ruhm“ für ungeeignet in Bezug auf Informationsverarbeitung.

Quelle: Wermke, M., Kunkel-Razum, K. & Scholze-Stubenrecht, W. (Hrsg.). (2007). Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache (7. Band, 4. Auflage). Mannheim: Duden.

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4 Gedanken zu „Eine Frage der Ehre?

  1. Hallo mal wieder. Ich stimme Dir vollkommen zu. Im Rahmen des flow-Erlebnisses kann Ruhm tatsächlich kein Indikator für positives Feedback sein. Das flow-Erlebnis stellt sich in einer zeitlich abgrenzbaren Handlungssequenz ein, wie z. B. einem Spiel. Ruhm ist ja etwas, was man kumulativ über viele solcher Handlungssequenzen erwirbt. Beim Fußball dauert es ja eine ganze Weile, bis man für seine Leistungen bekannt ist. Das kann dann zwar auch die Motivation erhöhen. Vorher musste es ja aber auch irgendwie gehen. Das zeigt, dass Ruhm keine verlässliche Information während des flow-Erlebnisses sein kann. Ruhm ist für das aktuelle Geschehen völlig unwichtig. Da zählen andere Informationen, die für das Erreichen des Ziels relevant sind, z. B. Tore schießen. Da nützt der Ruhm überhaupt nichts. Im Gegenteil, er kann dann sogar nachteilig sein, wenn’s nicht klappt. Ruhm baut einen gewissen Erwartungsdruck durch das Publikum auf, der den flow selbst wiederum stören kann. Kurz gesagt, Ruhm ist ein extrinsischer Anreiz und keine für das konkrete Erlebnis relevante Information. Nichts desto trotz kann er natürlich ein erfreulicher Nebeneffekt sein.

  2. Es ist eine schwierige Kiste und die Diskussion für mich noch längst nicht abgeschlossen. Einige Argumente kann ich inzwischen dank Jean-Pol etwas besser nachvollziehen (z. B. hier), aber sie werfen auch immer wieder neue Fragen auf…

  3. Pingback: „du bist eine dumme kuh!“ | Forschungswege

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