Sicherheit und Respekt

Zum Ende des Semesters mehren sich die Umfragen. Evaluationen zur Studierendenzufriedenheit finde ich einerseits sinnvoll und kreuze natürlich auch an, in welchem Maße ich mit der Betreuung durch die Dozenten zufrieden war. Andererseits wurde ich noch nie gefragt, was ich mir von Seiten der Betreuer wünsche. Meine Antwort wäre: Respekt und Sicherheit.

Respekt. Es gibt Menschen, die sagen, dass sie keinen Respekt vor anderen Menschen haben. Ich musste lange nachdenken, doch ich fand niemanden, den ich nicht respektiere. Natürlich gibt es auch Leute, die mir manchmal/ständig – bewußt oder unbewußt – vor das Schienbein knallen. Trotzdem erkenne (suche?) ich an ihnen auch mindestens eine Seite, die es wert ist, respektiert zu werden. Diese Sicht von Dozenten auf Studierende wünsche ich mir – und durfte tatsächlich schon erfahren, dass eine solche Art zu Sehen möglich ist.

Sicherheit. Das könnte ein Sammelbegriff sein für Vertrauen, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Erreichbarkeit usw. usf. Warum ist mir Sicherheit so wichtig? Ganz einfach: Unsicher sein kann ich allein. Es muß möglich sein, den Betreuern Fragen zu stellen, ohne gleich eins auf die Mütze zu bekommen – im schlimmsten Fall vor anderen Menschen. Auf eine sachliche Frage erwarte ich eine sachliche Antwort. Kein Abwarten, was die Kohorte dazu meint, keine Weiterleitung an den Rechtsanwalt, kein Schweigen, kein Abwimmeln, keine offenen Messer. Ich wünsche mir klare Ansagen statt Versteckspiele, Geduld ohne Ende für Fragen ohne Ende. Spaß fände ich ebenfalls angemessen, doch selbst dafür ist ein Fundament nötig: Respekt und Sicherheit.

Studierende können sich die Betreuer ihrer Hausarbeiten nicht aussuchen. Für Diplom- oder Masterarbeiten wird die Auswahl schon gezielter getroffen. Bei meinen bisherigen Versuchen hatte ich wohl Glück. Ich wußte, welches Thema ich wie bearbeiten wollte und fand Professoren, die mich in Ruhe schreiben ließen. Heute würde mir diese Art der Betreuung nicht mehr reichen, weil mir die Kritik fehlte. Und für Kritik brauche ich: Sicherheit und Respekt. Ich weiß, dass es durchaus Dozenten gibt, die sich über die Art der Betreuung von Studierenden Gedanken machen. Aktuelle Beispiele, wenn auch höheren Sphären zugehörig, finden sich in diesem oder diesem Beitrag von Gabi Reinmann. Ich würde dort zu gerne kommentieren: „Vergesst die Menschen nicht und fragt sie nach ihren Wünschen!“ Ist das respektlos?

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4 Gedanken zu „Sicherheit und Respekt

  1. Universitäten und Hochschulen sind zu recht geschützte Bereiche, in denen Wissen vermittelt wird und in denen sich Persönlichkeiten an geeigneten Hürden entwickeln und reifen. Am Anfang steht je nach individuellen Erfahrungen der Student mit seinen Ängsten und Nöten da und versteckt sich in der Menge, um nicht als schwach erkannt und verlacht zu werden. In der Gruppe fasst er meist bald Vertrauen in der Erkenntnis, mit seinen Befürchtungen nicht allein dazustehen. Werden die ersten Anforderungen klug gewählt und angemessen gemeistert, stellt sich bald Vertrauen in die neue Umgebung ein und neue Ziele scheinen erreichbar. Erfolge bilden das Fundament für die Bereitschaft sich weiter zu engagieren und in Arbeitsgruppen sich zu öffnen und auch freimütiger mit eigenen Defiziten umzugehen. In der Gruppe gibt es meist Zugpferde und Mitläufer, die aber beide von der Gruppe profitieren. Der Gebende festigt sein Wissen durch Vermittlung und der Empfangende kann Fragen stellen, die er im Hörsaal oder Seminar nicht äußern würde. Es herrscht relative Gleichheit beim Erkenntnisgewinn. Faulpelzen wird auch schon einmal der Spiegel vorgehalten. In diesem Klima reifen Persönlichkeiten heran, die mit Respekt und Augenmaß auftreten und auch in größeren Veranstaltungen bereit sind, Konflikte auszutragen ohne den Boden der Fairnis zu verlassen. Diese Gruppe trifft nun auf Dozenten oder Professoren, die häufig einen gewaltigen Wissensvorsprung haben aber durch Schicksal, Eitelkeiten, Karriere-Knicks, Eifersüchteleien, die Offenheit im Umgang mit Studenten verloren haben und auf Wohlverhalten abheben, wo kritischer Dialog gefragt wäre. Wie erhält sich ein gestresster Professor den gebotenen Respekt, wenn ihm täglich Massen von Studenten begegnen, die sich in der anonymen Menge rücksichtslos gebärden und mit Kritik nicht gerade zimperlich umgehen? Kurz: Die beiden Gruppen betonen sich auf Augenhöhe zu begegnen zu wollen, doch es bleiben Zweifel. Bringt mir eine unbedachte Frage im Seminar Nachteile für die Zukunft? Oder umgekehrt: Mache ich mich nicht lächerlich oder verliere ich mein Ansehen, wenn ich nicht deutlich Abgrenze durch Auftreten und Unnahbarkeit oder sogar durch Arroganz.
    Stellen wir vor diesem Hintergrund die Frage nach Sicherheit und Respekt erneut. Nun aber sollte gerechterweise diese Frage in beide Richtungen weisen. Und ich möchte einen dritten Begriff hinzufügen: Beständigkeit! Also begegnen sind Studenten und Professoren in ihrem professionellen Dialog gegenseitig mit dem gebotenen Respekt, mit vertrauenschaffenden Sicherheit und mit einer zeitlich und inhaltlich ausreichenden Beständigkeit? Eine Pauschalantwort wird es darauf nicht geben. Aber gerade im Hinblick auf die unterschiedlichen Stellungen wird deutlich, dass beide Seiten gut beraten sind, sich in diesem Gebiet aufeinander zu zubewegen. Wer Respekt erwartet muss deutlich machen, dass er jenseits unterschiedlicher Auffassung respektvoll mit seinen Gesprächspartnern umgeht. Sicherheit empfindet jener, dem ein Vertrauensvorschuss entgegengebracht wird. Das schließt jedwelche Aggressivitäten aus und verbietet Attitüden, die den Standesunterschied hervorheben. Zeigt der Partner Beständigkeit in Verhalten und Argumentation wächst der Vertrauensvorschuß und damit das Gefühl, sicher aufgehoben zu sein.
    Vieleicht zeichne ich mit meinen Betrachtungen ein zu idealistisches Bild vor dem Hintergrund der vielfältigen Zwänge von Massen-Universitäten. Trotzdem halte ich es für richtig auf beiden Seiten die Visiere offen zu halten. Dann kann sachlich über Konflikte gestritten und jede Seite kann zu neuen Einsichten geführt werden. Unzweifelhaft schaffen Sicherheit, Respekt und Beständikeit den rechten Ansatz und freudige Leidenschaft sich in einer solidarischen Gesellschaft zu entwickeln und sein eigenes Ego etwas an die Kette zu legen. In diesem Sinne sind beide Seiten diesen Begriffen verpflichtet, denn die Universitäten entlassen die Studenten in eine inhomogene Wettbewerbs-Gesellschaft mit ungleich härteren Umgangsformen,die nach integeren Persönlichkeiten rufen und nicht nach kleingeistigen Opportunisten.

  2. Wenn Beständigkeit den Wandel einbezieht, kann ich den Gedankengang nachvollziehen. Ansonsten kann es durchaus gefährlich werden, die Beständigkeit so hoch zu halten.
    Die Gegenseitigkeit sollte ursprünglich tatsächlich einbezogen werden. Dabei bereitet mir allerdings Probleme, dass junge Menschen nach dem Abitur eben noch nicht die Beständigkeit und Erfahrung haben, die für einen gleichberechtigten Dialog vonnöten wäre. Ihnen muss die Möglichkeit gegeben werden, Fehler zu machen ohne Strafen zu befürchten, mt anderen Worten in dieser Sicherheit zu lernen, sich also wandeln zu können.

  3. Ja, es ist schon eine Herausforderung den täglich stattfindenden gesellschaftlichen Dialog an wenigen Begriffen zu spiegeln und dabei nicht missverstanden zu werden. Für mich sind Beständigkeit und Wandel keine Gegensätze sondern stehen in einem engen Zusammenhang – gerade wenn ein ehrlicher und fairer Dialog zustande kommen soll oder bereits gekommen ist. Bezogen auf die heutige Schulsituation bieten die Rudolf-Steiner-Schulen dafür ein gutes Beispiel. Als Ingenieur und Physiker, der weder eigene Waldorf-Erfahrungen aufweisen kann noch eine entsprechende Waldorf-Lehrer-Ausbildung durchlaufen hat, erlaube ich mir eine außenstehende Beobachterrolle auf dieses Schulkonzept. Nach meiner Ansicht liegt hier eine Beständigkeit – ja fast eine Beharrung – vor, die sich auf die Dogmen von Rudolf Steiner stützt und einen festen Rahmen für R.-S.-Schulen in der Schweiz, in Deutschland und in vielen anderen Ländern dieser Welt bietet. In dieser Beständigkeit lag in den letzten hundert Jahren die Chance für Schüler und Eltern eine Orientierung zu erlangen, die in dem Dreieck: Schule/ Elternhaus/ Schüler einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung von jungen Persönlichkeiten gewährleistete.
    Der Wandel kam von außen – und dies von einer völlig unerwarteten und unterschätzten Disziplin: den Ingenieurswissenschaften. Die Sichtweise alle modernen Technologien in Frage zu stellen und mit dem kleinen bösen ‚Technik-Teufelchen‘ zu diskreditieren wurde von den Waldorfschulen weitgehend aufgegeben. Heute findet nach meiner – allerdings nicht wissenschaftlich belegten – Kenntnis dort ein naturwissenschaftlicher Unterricht statt, der den Waldorfschülern Einblicke bietet, ohne dabei kritiklos zu werden. Die neuen Medien werden benutzt und akzeptiert – aber es wird genügend Distanz gehalten. Diese Haltung ist für mein Verständnis erforderlich, um im Leben offen zu bleiben für Neues – aber auch stabil genug durchs Leben zu navigieren, um nicht als Computerfreak zu enden.
    Beständigkeit meint unter diesem Blickwinkel also nicht ‚kritiklosen Konservatismus‘ der Neues nicht zulässt, sondern Stabilität an der sich Menschen, Ideen und dami Persönlichkeiten entwickeln können. Die Zeitkonstante – an der sich diese Beständigkeit misst – muss sich dabei an den jeweiligen Fragestellungen orientieren.
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    Schlussbemerkung:
    In meiner Studentenbude hing seinerzeit ein kleiner Frosch aufgehängt an zwei Fäden an der Wand. Durch wechselseitiges Ziehen an der Fäden verhalfen wir dem Frosch zu einem steilen Aufstieg an der Wand .Nur durch beständiges Ziehen an beiden Fäden konnte der Frosch den hohen Ausblick erreichen und genießen. Der hohe Überblick wandelte sich in jähen Absturz, wenn unser Interesse nachließ und die Spannung erlahmte. Trotz vieler Ermunterungen hat es der Frosch nie geschafft alleine aufzusteigen – und ein Prinz ist auch nicht daraus geworden…
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    2. Fußnote: Leider gibt es auch Waldorschulen und Waldorflehrer, die den Wandel nicht ausreichend vorbereiten. Auf diese Gruppe trifft die im obigen Kommentar geäußerte Befürchtung sicherlich zu.

  4. Danke, Peter, für Deinen ausführlichen Kommentar, der mir seltsamer Weise bisher entgangen ist – entschuldige bitte.
    Das Beispiel mit der Technik an Waldorfschulen kannte ich noch gar nicht. Dafür kann ich mich gut an solch einen Frosch erinnern. 🙂

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