Ohne fremde Hilfe

Was bedeutet eigentlich die Formulierung „ohne fremde Hilfe“ in der Erklärung am Ende einer Haus- oder Diplomarbeit? Vermutlich schreibe ich mich in diesem Beitrag um Kopf und Kragen, denn ohne fremde Hilfe (so wie ich das verstehe) habe ich weder meine Diplomarbeiten noch die letzten Hausarbeiten geschrieben – und trotzdem den Zusatz unterschrieben. (Andererseits, wer meint, mir die Leistung aberkennen zu müssen, dem schenke ich die „Titel“. In Zeiten von Bachelor und Master scheinen Diplome eh nicht mehr viel wert zu sein.)  Nehmen wir zunächst die Familie. Diese mag mal mehr, mal weniger vertraut sein, zählt im obigen Sinne („eigen Fleisch und Blut“) vermutlich aber noch nicht zur fremden Hilfe. Wie sieht es jedoch aus, wenn ich mich mit Freunden, Kollegen, mehr oder weniger guten Bekannten, Mitstudierenden in einer Lerngruppe oder Moodle über ein Thema austausche, ihnen vielleicht meine Schreibversuche zeige und an Verbesserungen bastele? Sind sie schon Fremde, die mir helfen? (Wahrscheinlich ja.) Was ist mit entfernten Bekannten und Verwandten, die mir Tipps für den PC geben, um eine Arbeit harmonisch aussehen zu lassen? Und, was ist mit all‘ den Menschen, die hier im Blog kommentieren? Mit den Unbekannten, die mich (teilweise ungewollt) per Facebook oder Twitter auf neue Blickwinkel in der Betrachtung hinweisen? (Das ist die komplette fremde Hilfe! Apropos: Über diese beiden Medien habe ich noch keine ausreichende Antwort auf meine Frage bekommen …) Oder, nehmen wir aktuell das Modul 2A: Dort soll ich (m)ein Thema, eine Forschungsfrage, Hypothesen, den theoretischen Rahmen und Literatur angeben – und zwar halböffentlich in Moodle. Die Modulbetreuung genehmigt das dann alles (oder nicht) und macht evtl. Vorschläge zur Verbesserung. (Also, bitte, da ist es! Ich kenne die Leute doch gar nicht. Das sind Fremde für mich! Wie kann ich dann guten Gewissens unterschreiben, dass ich die Hausarbeit ohne fremde Hilfe erstellt habe?) – Die Universität Konstanz bietet ihren Studierenden eine Schreibberatung zur Unterstützung bei Seminararbeiten an. In den FAQ’s kann man lesen, dass diese Hilfe keine unzulässige sei, weil sie als Hilfe zur Selbsthilfe konzipiert ist. – Nicht einmal der Duden hilft hier weiter. Das Wort „fremd“ wird dort einfach nicht näher erklärt. Ist also allen (außer mir) klar, was es bedeutet, eine Arbeit ohne fremde Hilfe zu erstellen? – Das Wiktionary wird in dieser Sache etwas deutlicher. Fremd kann demnach also heißen „nicht bekannt“ oder „von woanders her“. (An dieser Stelle setzt mein Herzschlag wieder ein, denn die Umformulierung der Erklärung in „… ohne nicht bekannte Hilfe …“ kann ich wieder guten Gewissens unterschreiben. Aber, ist das schon die Bedeutung und entpricht sie der ursprünglichen Absicht?) Eine andere oder „offizielle“ Meinung wäre jetzt gut. Gibt es jemanden, der sich wissenschaftlich damit beschäftigt? (Oje, ich werde mich damit doch nicht etwa in die Sprachwissenschaft verlaufen?) – Eine spontane „Definition“ von mir sähe so aus: Fremd ist alles, was nicht eigen ist. (Zuviel Statistik, denn das klingt sehr nach Venn-Diagramm.) Mit eigener Hilfe? Hilf‘ Dir selbst, sonst hilft Dir niemand? Nein, das kann damit nicht gemeint sein. Aber, was bedeutet es denn nun wirklich? Ich brauche fremde Hilfe und gehe auf die Suche! 🙂

Advertisements

11 Gedanken zu „Ohne fremde Hilfe

  1. Nach meinem Verständnis als Schreibberaterin an einer Hochschule betrifft die „fremde Hilfe“, die in Abschlussarbeiten untersagt ist, die Autorenschaft. Verboten ist generell, dass ein anderer Autor den Text produziert hat als der angegebene. Dies ist insbesondere der Fall bei:
    1) Ghostwriting, bei dem der eigentliche Autor ein beauftragter Schreiber ist;
    2) durchgehendem, stark redigierendem Lektorat, bei dem der eigentliche Autor der beauftragte Lektor ist;
    3) Plagiaten, bei denen der eigentliche Autor ein ohne Nachweis Zitierter ist.

    Nicht zur „fremden Hilfe“ rechne ich:
    1) das Zitieren korrekt angegebener Quellen;
    2) die Unterstützung durch Probeleser (z. B. Kommilitonen), die bereit sind, dem Autor ein mündliches Feedback zu geben und seine Thesen mit ihm zu diskutieren;
    3) ein Korrektorat, das sich auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik konzentriert (auch als Funktion der Software; ideal: im Tandem mit anderen Absolventen; für Fremdsprachler unerlässlich);
    4) ein exemplarisches Lektorat, das den gedanklichen Aufbau und den sprachlichen Ausdruck in einzelnen Textpassagen redigiert, die Umsetzung im Gesamttext jedoch dem Autor überlässt (diese Leistung bieten wir in der Schreibberatung der Hochschule an);
    5) Unterstützung bei Satz und Layout;
    6) Unterstützung bei Druck und Bindung.

    Sich die im zweiten Block genannten Arten der Unterstützung zur rechten Zeit zu organisieren, ist meines Erachtens eine Kompetenz, die durch gute Zensuren nicht zu Unrecht belohnt wird. Diese „Hilfen“ schmälern die Eigenleistung des Absolventen nicht, da sie entweder Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens sind, sich auf den formalen Bereich beschränken oder lediglich Anregung zur Selbsthilfe geben.

    Dr. Monika Oertner, Schreibberaterin und Lektorin

  2. Ja, das finde ich auch. Es hat mich tatsächlich auch erst einmal sprachlos gemacht, eine „fremde“ Antwort zu erhalten. (Da ist schon wieder das nächste Thema…)

  3. Und noch ein Thema: Meiner Erfahrung nach legen die Leute, die „so richtig“ schlau sind, im zwischenmenschlichen Umgang am wenigsten auf ihre/n Titel. 🙂

  4. Es scheint tatsächlich nicht möglich, den Kommentar von Dr. Oertner zu überbieten!
    Während Töpfer nämlich in dieser Sache schreibt, „Anregungen von einem Experten zu bekommen“ wäre von Vorteil für den eigenen Erkenntnisprozeß (S. 362, http://www.amazon.de/Erfolgreich-Forschen-Master-Studierende-Doktoranden-Springer-Lehrbuch/dp/3642139019/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1352307814&sr=8-1), spricht Rost davon, eine Arbeit „ohne Hilfe Dritter“ anzufertigen (S. 298, http://www.amazon.de/Lern-Arbeitstechniken-f%C3%BCr-das-Studium/dp/353117293X/ref=pd_sim_b_4#reader_353117293X). Den Begriff „Dritte“ verwendet er vermutlich im Sinne von „anderer“, ansonsten wäre zumindest eine Zweitmeinung gestattet.

  5. Ich find’s ja fast schad, dass die Frage jetzt schon sooo schön, ausführlich und überzeugend beantwortet wurde…..eine FF, die unserer Luci entgangen ist 😉 😉

  6. Caroline, die Frage könnte tatsächlich eine Forschungslücke sein.
    Friedrich Rost schreibt: „Für eine Prüfungsarbeit würde ich allerdings davon abraten, ein Thema zu wählen, für das die Materiallage allzu ‚dünn‘ ist, weil zur Bearbeitung eines solchen Themas echte Forschungsarbeit vonnöten wäre und die braucht mehr Zeit als einem gewöhnlich für eine Prüfungsarbeit zugestanden wird.“ (S. 280, Quelle s. u.)
    Andererseits fliegt mir diese einfache Frage in Moodle momentan richtig um die Ohren.
    Eine echte Forschungsarbeit …! Stell‘ Dir das mal vor. 🙂

  7. Pingback: Dresing/Pehl: Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse | GedanKenSpieLe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s