Neurose – Statistik 18 (Teil 3/Anhänge)

Grundzüge der Matrizenrechnung. Natürlich weiß ich nicht, was eine Neurose ist und ob sie mich schon befallen hat oder noch wird. Auf jeden Fall habe ich mich zunächst sehr und zu lange über den Beitrag „Alterspromotion“ von Fritz B. Simon geärgert. Jetzt muß der Ärger raus und zwar hier. Zur Information für alle Mitstudierenden, die das Master-Modul 1 noch nicht belegt haben: Simon schreibt in einem Corporate Blog unter dem Titel „Simons Systemische Kehrwoche“ für den Carl-Auer-Verlag, lt. Eigenwerbung „dem Verlag für Systemisches“. Das ist eigentlich noch nicht der Rede wert. Was mich an seinem Beitrag aufregt, ist die offensichtliche Beleidigung all derjenigen Menschen, die geistig nicht auf der Stelle treten wollen. Setzt man nämlich für den Begriff Promotion z. B. schlicht Fort-, Weiter- oder auch nur Bildung ein, wird sehr schnell klar, dass die von Simon genannten Beweggründe wie Geld, Karriere, Objektivierung und Ansehen nicht nur nicht vollzählig sein dürften und damit seiner Argumentation eine gewisse Schieflage verleihen. Sondern sie kommen noch nicht einmal in die Nähe der „wahren“ Motivation. Menschen im Alter Ü40, die neben ihrer Berufstätigkeit promovieren wollen, können auf die genannten Beweggründe verzichten, weil sie vermutlich neben Geld und Karriere… noch andere Möglichkeiten sehen, ihr Leben (hier gerne mit Geld und/oder Karriere…) zu gestalten. Es ist eben nicht für alle damit getan, ein Buch zu schreiben, Fallschirmspringen oder Töpfern zu lernen, wenn es darum geht, den Sinn einer Sache oder gar des Lebens finden zu wollen. Vielleicht bin ich auch nur so sauer gewesen, weil ich von einem zertifiziert-schlauen Mann wie Simon (hier etwas zu seiner Person) mehr Verständnis für die Andersartigkeit und damit Vielfalt von Lebensläufen und Bildungswegen erwartet habe. Oh, nein, warum bin ich nur so neugierig? In seinem Buch „Die Kunst, nicht zu lernen“ (Leseprobe hier) fängt er mit meinem ehemaligen Lieblingszitat an. Er schreibt außerdem von „großen, dicken Pflegern“ (S. 5), verwendet „mein“ Topflappenbild und wendet sich an den „eigensinnigen Leser“ (S. 7, – ich frage jetzt nicht, ob er die weibliche Leserschaft mitmeint). Diese herablassende Art gibt mir erst mal den Rest für heute und ich habe das Bedürfnis, mir etwas Gutes zu gönnen. Fündig geworden bin ich hier: Am 24. Mai 2012 gibt es um 20:00 Uhr die nächste Sendung „Dossenheim zur Kreidezeit“. Für meinem Unterricht benötige ich zwar Noten, doch ist jede Stunde generell notenfrei. Deshalb interessiert mich besonders, welche Alternativen in den Gesprächen genannt werden. Einen Vorgeschmack auf die Diskussionen geben die Videos mit Jochen Robes und Jürgen Handke (einem auch-Musiker!). Sie sind jedenfalls – wie zu erwarten – jetzt schon eine Wucht! Ich finde keinen einzigen Widerspruch. Sehr gut gefällt mir der Gedanke zur Beziehung zwischen Offenheit/Öffentlichkeit und Qualität/-(s)sicherung. So habe ich das bisher noch gar nicht betrachtet, aber es klingt so logisch, dass sämtliche Ängste und daraus resultierende Vorbehalte gegenüber öffentlich zugänglichen Lehrvideos oder Mitschnitten aus Lehrveranstaltungen nun einfach zu verschwinden scheinen. Hoffentlich auch bei den Lehrenden, die ihre Veranstaltungen bisher noch nicht aufgezeichnet haben. Der erlösende Satz von Handke, dass man keinen perfekten Unterricht abliefern muß, könnte endlich meinen Drang nach Perfektion mindern. Hinsichtlich der Argumentation ist dieser Beitrag auch nicht perfekt, aber ich kriege schon noch ‚raus, wie das funktioniert!

Fertig gelesen bis zur letzten Fußnote (und das alles-lesen-wollen könnte tatsächlich neurotisch wirken): Mittag, H.-J. (2011): Statistik. Eine interdisziplinäre Einführung. Anhänge. Studienbrief 33209. (S. 232-317). Hagen: FernUniversität.

Außerdem: Kromrey, H. (2011): Empirische Sozialforschung. Kurseinheit 1: Empirische Theorie, Forschungsprozess und Operationalisierung. Studienbrief 03607. Hagen: FernUniversität.

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5 Gedanken zu „Neurose – Statistik 18 (Teil 3/Anhänge)

  1. Zu viel Titel, zu viel „Begründer“ und „Mitbegründer“, zu viel Berufsfelder… Hat er mehrere Köpfe, dieser Fritz B. Simon?

  2. Missverständnisse sind die Normalform von Kommunikation. Oder: Jeder missversteht, so gut er kann, wie mein Kollege W. immer sagt. Das gilt für alle, auch für mich und Dich. Es ist keine moralische Frage, also etwa die eines guten Willens. Es geht nicht anders als mit Missverständnissen. Das ist gut, sich immer wieder klar zu machen, dass man alle Statements anderer Menschen immer auf der Folie seiner „selektiven Wahrnehmung“ interpretiert.
    Ich verstehe sehr gut, worüber Du Dich aufregst, aber ich glaube, mit Fritz B. Simons Beitrag hat es nur bedingt zu tun. Über die Leute, die meinen, dass man mit dem dritten Bildungsweg (nennt man das heute noch so?) nur drittklassige Bildung hat, oder Long Life Learning Quatsch ist, oder akademische Bildung sowieso Humbug, rege ich mich nicht mehr auf. Der Stammtisch ist groß, an ihm versammelt sich eine Menge Dummheit, Ignoranz und Bösartigkeit. Aber Fritz B. Simon gehört da gewiss überhaupt nicht hin. Auch nicht mit seinem Blogpost „Alterspromotion“.

    Gewiss könnte man über die pauschale Pathologisierung Spätpromovierender streiten. Aber dass in einem Artikel überhaupt Provozierendes, Streitbares steht, ist ja überhaupt die Voraussetzung für Kommunikation. Wo soll sonst ein Anschluss herkommen?
    Man muss nur aufpassen, dass man nicht unnötig missversteht, bevor man sich (unnötig) ärgert oder „zuschlägt“.

    Missverstanden hast Du den Artikel aber, glaube ich, sofort da, wo Du ihn auf Dich beziehst. Du schreibst:

    „Setzt man nämlich für den Begriff Promotion z. B. schlicht Fort-, Weiter- oder auch nur Bildung ein, wird sehr schnell klar, dass die von Simon genannten Beweggründe wie Geld, Karriere, Objektivierung und Ansehen nicht nur nicht vollzählig sein dürften und damit seiner Argumentation eine gewisse Schieflage verleihen.“
    Ja, das kannst Du gerne setzen! Aber nicht in Simons Text hinein! Denn das tut eben Simon ja gerade nicht, auch nicht „zwischen den Zeilen“ , er spricht nur von Promotion und er meint auch nur Promotion! Du interpretierst dabei nicht Simon, sondern unterstellst ihm (was Du von anderen kennst oder was Deine Befürchtungen sind), was bei ihm nicht da ist. Du konstruierst Deinen eigenen „Simon-Artikel“, gegen den Du dann kämpfst.
    Da fällt mir natürlich die Hammer-Geschichte von Paul Watzlawick ein, Sie beschreibt wundervoll den immer wieder gern gegangenen Weg der Projektion (verstanden im psychoanalytischen Sinne). Das hat jetzt nicht mit Pathologisierung zu tun, denn es ist ein allgemein menschlicher Handlungsmodus – naja, die einen machen es mehr, die anderen weniger. Gut ist, davon zu wissen, dann kommt man sich im gegebenen Fall schneller auf die Schliche und kann es, darüber selbstironisch schmunzeln, für diesen Fall wieder abstellen.
    Bei mir in der Familie machen wir uns gegenseitig mit dem Stichwort „Hammer“ darauf aufmerksam, wenn wir beim anderen so etwas beobachten. Ein Moment Stutzen, dann lachen alle.
    Ich finde, hier ist mit Deiner Aufregung über Simon eine klassische Hammergeschichte passiert.
    (Ich habe natürlich gut reden, so als angeblich äußerlicher Beobachter 😉

    Ich lese Simon stattdessen so:
    Simon macht sich Gedanken darum,
    a) was eine Promotion gesellschaftlich bedeutet, und
    b) welchen persönlichen Sinn eine Promotion (nach Maßgabe der Bedeutung) für Menschen haben könnte, die das Alter für einen klassischen Einstieg in die institutionalisierte Wissenschaft und für eine andere öffentliche Karriere überschritten haben oder die schon wirtschaftlich oder politisch Karriere gemacht haben ohne Promotion, für die die gesellschaftlichen Bedeutungen mithin nicht infrage kommen.

    zu a) Promotion ist einerseits Eintrittskarte, also notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung zum bezahlten wissenschaftlichen Arbeiten; Promotion ist andererseits nützlicher Titel für gesellschaftliche Elite-Positionen in Deutschland (ganz besonders dort.)
    Die beiden Bedeutungen liegen auf ganz verschiedenen Gebieten. (Guttenberg wollte beileibe nicht wissenschaftlich arbeiten, er brauchte den Titel, um seinen Elitenanspruch zu festigen – nur darum copy-pastet jemand ja seine Diss, weil er eigentlich wissenschaftliches Arbeiten gräßlich findet. Ein Mensch mit wissenschaftlichem Anspruch würde das ja nicht tun.)
    Promovieren heißt aber auch nicht einfach, wissenschaftlich arbeiten und publizieren – so wie das in der Veröffentlichung von Aufsätzen usw. ist. Promovieren ist eine Prüfung. Sie unterliegt nicht nur im mündlichen Prüfungsteil sondern schon in der Abfassung der schriftlichen Arbeit (samt Titel und Froschungsdesign) einem schrecklich trockenen hoch ritualisierten Reglement von Anno Dunnemals. (Dass man z.B. kumulativ promovieren kann, ist recht neu und zeigt, dass die alten Promotionsregeln längst nicht mehr hergeben, was sie sollen.)

    So, wenn nun für das Promovieren einer Person weder die eine, noch die andere gesellschaftliche Bedeutung der Promotion eine Rolle spielen kann, welchen Sinn hat sie dann? Und warum unterzieht sich eine Person diesem gräßlichen Reglement und Ritual, das ihr viele Jahre Leben – zumindest Freizeit und Gesundheit kostet? Wo einen doch nichts daran hindert, nach „autodidaktischem“ Lernen und Forschen einfach zu schreiben, wie man möchte? Frei und dafür lesbar und lesenswert? – Das fragt Simon zurecht, meine ich. Denn mit Lernen, Sich-(Weiter-)Bilden oder Forschen nach den selbst festgelegten Bedingungen (in denen sich die eigene wissenschaftliche Haltung realisiert) hat Promovieren nicht viel zu tun – ebenso wenig wie Büffeln fürs Abitur – es geht um Zertifikat und Titel, nicht um Forschungsspaß und Freude am wiss. Arbeiten.

    Wenn Du also demnächst womöglich ganz konkret vor der Frage stehst, ob Du promovieren sollst, dann überlege genau, welchen Sinn diese Knechterei für Dich haben soll und ob es sich dafür lohnt. Und ob Du den Sinn nicht auf andere Weise viel besser realisieren könntest.
    Mir ging es so, als ich vor der Frage stand, ü50 und mit Promotionsangebot eines Profs. Ich bin froh, dass ich das, was ich wirklich wollte, auf andere Weise realisiert habe, und bin überzeugt, dass ich mein Leben und die Freude daran mit dem Verzicht auf eine sinnlose Promotion um Jahre verlängert habe 🙂

    Übrigens: Simon spricht über den Fall eines Mannes, der wegen der zweiten Bedeutung promoviert (Reputation als Elitenmann).
    Das Bedauern, keine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen zu haben, stattdessen Kinder großgezogen und für die Penunse gesorgt zu haben usw., das viele intelligente Frauen in einem gewissen Alter erwischt, kenne ich gut. Das ist etwas ganz anderes! Und es ist empörend, dass es immer noch für Männer (unter Einbeziehung einer Frau) ungleich leichter ist, zu promovieren (auch neben dem Job her), und derweil eine wachsende Familie zu haben. Das ist das schnöde Geheimnis männlichen Multitaskings. 😉
    Aber das ist ein ganz anderes Feld, und das war nicht Gegenstand von Simons Artikel.

  3. Was soll ich auf diesen Kommentar erwidern? Das ist ja wohl der Hammer! 🙂
    Ich bin froh, dass ich Dich um eine (neutrale) Erklärung gebeten habe, weil ich wußte, dass Du den Artikel völlig anders aufgefaßt hast als ich. Dafür vielen Dank! Mit Deinen Gedanken im Kopf liest sich der Artikel von Simon nun tatsächlich anders für mich. Was ich noch gar nicht verstehe: Woher weiß ich, dass mir mit dem Vorhaben ein gräßlicher Prozeß bevorstehen soll, wenn ich es nicht selbst probiert habe? Der Vorteil einer externen Promotion im Alter liegt für mich auf der Hand: Ich muß es für nichts und niemanden machen, sondern kann im Gegenteil jederzeit damit aufhören. Mehr Spaß am freiwilligen Forschen geht eigentlich nicht. (Vorausgesetzt, ich fange irgendwann mal an. Schrecklicher Gedanke, wenn die Arbeit kein Mensch betreuen wollen würde…). Witzig finde ich übrigens, dass im ersten Kommentar zu Simons Artikel auf einen Film von Roland Garve verlinkt wurde. Diesen Mann habe ich vor 20 Jahren kennengelernt und ich bewundere ihn dafür, dass er offensichtlich noch immer aus purer Neugier forscht. Dieses für mich so wichtige Motiv habe ich im Artikel von Simon vermißt und vermutlich entstand daraus mein Ärger. Hätte ich in seinem Blog kommentiert, müßte ich mich wohl für das Mißverständnis entschuldigen.

  4. Pingback: Für alle (1D_neu-) Geprüften | Forschungswege

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