Kopfnote

Der Spruch „Pädagogen müssen loben und nicht toben“ stammt von einem Schülervater und ist für mich oberstes Gebot im Unterricht sowie Schulgesprächen. Eltern qualifizieren sich durch ihre Praxis in und mit der Familie als Lehrende und haben in dieser Hinsicht volles Mitspracherecht, wenn es um die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder geht. (Die abwertende Auffassung, dass jeder ein Experte in Sachen Schule sei, weil fast jeder mal selber Schüler war, teile ich übrigens nicht.) Über den Sinn oder Unsinn von Strafen und Benotungen kann man mit Eltern sehr gut diskutieren und dabei selber oft  noch etwas lernen oder zumindest darüber nachdenken. Der Schulfunk liefert dafür viel  Material, vor allem, wenn man, wie ich, kein „richtiger“ Lehrer ist, zumindest nicht in Bayern.

Beispiel 1: Religionsunterricht 4. Klasse                                                                              Kind: „Ich muß als Strafe eine ganze Seite lang aufschreiben: Ich soll im Unterricht still sein.“                                                                                                                                  Beispiel 2: Religionsunterricht 7. Klasse                                                                         Schüler: „Ich muß als Strafe ein Referat halten mit dem Thema: Engel. Der erste Satz soll heißen: Dieses Referat halte ich, weil ich etwas falsch gemacht habe und dies bekenne.“                                                                                                                            Beispiele 3 und 4: Im Gespräch mit zwei Lehrerinnen (Englisch, Sport)                                 „Ich hätte dem Schüler für seine Leistungen eine Drei geben können, aber er ist so hippelig im Unterricht. Deshalb bekommt er eine Fünf im Zeugnis.“

Die Beispiele sind aktuelle Belege für Strafen im Unterricht aus dem ersten Halbjahr dieses Schuljahres. Weil ich von Religion keine blasse Ahnung habe, muß ich meinen Menschenverstand einschalten. Dieser sagt mir klar und deutlich: hier läuft etwas mächtig schief. Wenn Schüler den Glauben durch Strafarbeit lernen sollen, fühle ich mich schnell in das Mittelalter und seine Methoden versetzt. Davon abgesehen frage ich mich, was mit den Kindern geschieht, wenn sie sich, wie im ersten Beispiel gefordert, still verhalten. Eine – zwar nicht mehr taufrische, aber dennoch sehr spannende – Diskussion dazu fand ich im Blog von JochenEnglish.  Beim zweiten Beispiel fehlen mir glatt die Worte. Hier wird der Schüler nicht nur für sein Verhalten bestraft, sondern zusätzlich öffentlich gedemütigt. Die letzten Beispiele hingegen lassen in mir den Wunsch wachsen, Noten entweder völlig abzuschaffen oder Kopfnoten wieder einzuführen. Worin liegt der Sinn, mit einer einzigen Bewertung sowohl die Leistung als auch das Verhalten erfassen zu wollen? Wird das wirklich so in der Lehramtsausbildung gelehrt? Oder ist das nur eine Merkwürdigkeit in Bayern? Davon scheint es jedenfalls noch mehr zu geben. Übrigens: ich bin für Kopfnoten – und zwar für Lehrkräfte.

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