Tachjen

Eben noch wollte ich es mir nach 13 Jahren Eingewöhnung in Bayern so richtig gemütlich machen, da trifft mich dieser Artikel über das Verbot verschiedener Begrüßungsformeln an einer Mittelschule in Passau. (Zur Erinnerung: in Passau nahm das verschärfte Rauchverbot seinen Anlauf in die gesamte Republik). Jetzt weiß ich endlich, warum ich als Norddeutsche im Süden als unhöflich und respektlos gelte. Sogar der Karriere (welcher?) war also mein in die Runde geworfenes „Hallo“ abträglich. Tatsächlich habe ich mich noch nie verbal verausgabt. In der ersten Klasse lernten wir „ABC-Schützen“ (ja, die Sprache ist verräterisch und ich erfuhr erst Jahre später, wie sich das Tragen einer ABC-Maske auf langen Haaren anfühlt), wie wir Respektspersonen auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu grüßen hätten, nämlich durch leichtes Nicken mit dem (eigenen) Kopf. Nachdem wir das eine Schulstunde lang geübt hatten, durften wir uns in der Praxis beweisen. Seit es das Telefon für alle gibt, ist es mit meiner mündlichen Konversation weiter bergab gegangen und inzwischen habe ich diese wortlose Begrüßung durch mehr oder weniger leidenschaftliches Handwinken bzw. Armrudern ergänzt. In den ersten Jahren meiner privaten Integrationsversuche habe ich bei einigen Leuten nach dem unter Schmerzen hervorgebrachten „Grüß Gott“ in Gedanken angehängt: wenn Du ihn triffst. Dafür schäme ich mich heute aufrichtig, denn manchen von ihnen ist das bereits gelungen. Und, wenn ich einmal im Jahr im Norden Deutschlands weile, kriege ich die Kurve nicht mehr: statt mit „Tach/jen“ grüße ich in gepflegtem hochdeutsch Gott. Ogottogott. Das würde wohl Ottos Mops denken. Der Chef des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte, Horst Münzinger, meint zudem in diesem Artikel, dass das hingepfefferte „Tschüss“ in den Ohren weh täte. Nun, da liegt die Schmerzgrenze sicher bei jedem woanders und vielleicht würde etwas Ohrenschmalz gegen Ohrenschmerz Abhilfe schaffen? Man könnte fast meinen, man käme von einer Zone in die nächste (nämlich in die des Dialektpflegers Hans Triebel). Ich wußte schon immer, dass irgendwas nicht richtig ist – aber, dass ich es hätte so einfach haben können, ist schon fast unglaublich. Danke, Frau Rektorin Seibert – und tschüss/i.

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